Über Behinderung erzählen im Frühmittelalter

Öffentlicher Vortrag von Cathrin Hähn (Landesarchäologie Bremen und Universität Bremen) im Rahmen des Forschungskolloquiums IPNA/UFG/PRA („Kränzli“), FS 2024.

In Grabbefunden finden sich häufig menschliche Überreste, an denen ‚Pathologien‘ nachgewiesen werden können, welche die Person zu ihren Lebzeiten beeinträchtigt haben. Lange hat die archäologische Forschung diesen biologischen Befunden den Begriff der ‚Behinderung‘ zugeschrieben und darauf soziale und kulturelle Eigenschaften moderner Behinderungsbegriffe projiziert. Aus auffälligen Grabbefunden und aus Einzelfällen wurden Schlussfolgerungen auf generell diskriminierenden Umgang mit Menschen mit Behinderung gezogen.

Auch im archäologischen Schreiben über Behinderung schien und scheint manches erlaubt, was in der heutigen Sprachpraxis als diskriminierend erachtet wird, zum Beispiel unreflektierte Begriffswahl oder reißerische Formulierungen. Das Beispiel des Erzählens über Behinderung zeigt, dass vermutlich Auto- und Heterostereotypien (Abgrenzung unserer modernen von der Gesellschaft des Frühmittelalters) auch für andere gesellschaftliche Themen in unserem Schreiben und Erzählen über das Frühmittelalter vorliegen.

Menschen mit Behinderung müssen „nicht als zu integrierende Minderheit, sondern als integraler Bestandteil der Gesellschaft verstanden werden“ (nach Waldschmidt 2005, https://bidok.uibk.ac.at/library/waldschmidt-modell.html) – dies ist für archäologisch Forschende als Erzähler*innen von ‚Behinderung‘ ebenso notwendig wie respektvolle Sprache.

Gäste sind herzlich willkommen!

Datum

22. Apr 2024

Uhrzeit

18:15

Ort

Rosshof
Rosshofgasse 2, Basel

Veranstalter

Departement Altertumswissenschaften
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